Solingen ist eine Stadt, die ihren Ruf aus einer einzigen Sache gezogen hat. Aus dem Stahl. Schon im Mittelalter wurden hier die Klingen geschmiedet, die in halb Europa ihre Abnehmer fanden – Schwerter, Messer, später Scheren, noch später Rasiermesser und Rasierhobel. Wenn du heute durch die Stadt fährst, siehst du ihr die Geschichte an. Werkstätten in Hinterhäusern, deren Namen du zum ersten Mal hörst und die doch seit fünf oder sechs Generationen in Familienhand sind. Merkur ist eine von diesen Werkstätten.
Emil Hermes und der vergebene Name
Die Firma hätte eigentlich anders heißen sollen. Ihr Gründer, Emil Hermes, wollte 1896 die Werkstatt nach seinem eigenen Nachnamen benennen – so wie das in Solingen zu jener Zeit üblich war. Aber der Name Hermes war schon vergeben. Es gab in der Klingenstadt bereits mehrere Stahlfirmen, die unter diesem Namen auftraten. Also griff Emil zu einem Kunstgriff. Hermes ist in der griechischen Mythologie der Götterbote. Und der römische Name für denselben Götterboten ist Merkur. Mit einer kleinen sprachlichen Verschiebung hatte Emil seinen Markennamen. Heute, 130 Jahre später, steht er auf Rasierhobeln, die in vielen Ländern der Welt zu den bekanntesten ihrer Art zählen.
Von der Keilklinge zur Doppelklinge
Die ersten Merkur-Hobel sahen noch nicht so aus, wie man heute einen Sicherheitsrasierer kennt. Anfangs wurde eine auf vier Zentimeter verkürzte Wechselklinge eingespannt, die in ihrer Form an ein klassisches Rasiermesser erinnerte – ein Keil. Diese Klinge musste regelmäßig nachgeschliffen werden, was den Alltag des Rasierenden nicht einfacher machte.
Der Durchbruch kam Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Mit der zweischneidigen, hochscharfen Doppelklinge aus Stahl, wie wir sie bis heute kennen. Zwei Schnittkanten pro Klinge. Kostengünstig zu produzieren, einfach zu wechseln, und wenn sie stumpf wurde, legte man sie weg und nahm eine neue. Das war die Erfindung, auf der die moderne Sicherheitsrasur gebaut ist. Merkur war von Anfang an Teil dieser Entwicklung – und hat sie über die Jahrzehnte mit eigenen Patenten und Modellvariationen fortgeschrieben.
Drei Generationen Hermes, dann Kirschbaum, heute Wiethoff
Die Geschichte der Eigentümer erzählt die Geschichte der Firma. Emil Hermes führte die Firma bis in die 1920er Jahre, dann stiegen seine Söhne Erich und Hans mit ein. Hans starb 1957 viel zu früh, woraufhin sein Sohn Dietrich gemeinsam mit dem Onkel Erich durch die Wirtschaftswunderzeit steuerte. Nach Erichs Tod in den Siebzigern verkaufte Dietrich Hermes schließlich das Unternehmen.
Im Januar 1996 übernahm die Solinger Familie Kirschbaum die Firma und gründete die heutige MERKUR Stahlwaren GmbH & Co. KG. Unter ihrer Führung erlebte die Marke in einer Zeit, in der die klassische Nassrasur gerade eine Renaissance durchlief, international einen neuen Aufschwung. 2021 übergab die Familie schließlich an den heutigen Geschäftsführer. Ulrich Wiethoff hatte zuvor 18 Jahre lang bei Merkur die Produktentwicklung geleitet. Er kannte jede Schraube, jeden Klingenspalt, jede Toleranz im Kopf. Das war keine externe Übernahme, sondern die Übergabe an jemanden aus dem eigenen Haus. Im September 2022 zog die Firma an ihren heutigen Standort in der Nordstraße 10 in Solingen.
Finn ist in dieser Marke zuhause. Er war in der Werkstatt, er hat mit Herrn Wiethoff über Klingenspalte und Materialwahl gesprochen, er kennt die einzelnen Modelle aus der eigenen Rasur und kann dir mit ziemlicher Treffsicherheit sagen, welcher Hobel zu welcher Bartdichte, welchem Hauttyp und welcher Handhaltung passt.
Das Spektrum vom sanften bis zum einstellbaren Hobel
Was Merkur seit Jahrzehnten besonders macht, ist die Breite des Sortiments. Ein einziger Hersteller deckt das komplette Spektrum von sanft bis kompromisslos ab. Der Einstieg geht meistens über den 34C. Seit den Fünfzigern im Sortiment, zweiteiliger Aufbau, mittelschwer, geschlossener Kamm, mildes Rasurprofil. Ein Hobel für die erste Nassrasur und gleichzeitig ein Stück, das der Rasierer manchmal dreißig Jahre lang behält, weil er nichts daran vermisst.
Der 23C ist dieselbe Philosophie, aber mit einem längeren Griff – für größere Hände oder für den, der beim Rasieren Wert auf eine ruhige Führung legt. Der 38C und der 47C sind die etwas gewichtigeren Varianten derselben Richtung.
Wer gründlicher rasieren will, greift zum 37C oder 39C. Beides Schrägschnitthobel, bei denen die Klinge nicht gerade, sondern leicht diagonal im Kopf sitzt. Das Ergebnis ist ein besonders wirksamer Schnitt bei starkem Bartwuchs – bekannt unter Nassrasierern als Slant-Prinzip, weil die schräge Klinge wie ein Messer durch das Haar gleitet statt es zu drücken.
Für den erfahrenen Rasierer, der gerne an der Einstellung schraubt, gibt es zwei Reihen. Die Progress-Reihe mit den Modellen 500, 510 und 500C erlaubt eine stufenlose Feineinstellung des Klingenspalts zwischen 0,6 und 1,6 Millimetern. Die Futur-Reihe geht noch weiter: 700 in Mattchrom, 701 in Glanzchrom, 702 in Gold – Klingenspalt zwischen 0,9 und 1,9 Millimetern, über einen Drehmechanismus am Kopf einstellbar. Wer einmal einen Futur in der Hand hatte, weiß, warum dieses Modell seit 1985 seinen festen Platz im Sortiment hat.
Ersatzteile nach vielen Jahren
Auf der Merkur-Website steht eine Geschichte, die sinngemäß so geht: Ein Kunde benutzt seinen 23C seit sechs Jahren. Dann bricht an der Oberseite des Kopfes ein kleines Stück ab. Der Kunde schreibt eine kurze Mail an Merkur. Zwei Werktage später hat er das Ersatzteil im Briefkasten.
Das ist kein Einzelfall. Wer einen Merkur-Hobel besitzt und ihm passiert etwas – er fällt auf den Boden, eine Schraube dreht sich fest, ein Teil nutzt sich ab – gib uns Bescheid. In den allermeisten Fällen gibt es das Ersatzteil. Das ist die Art von Nachkauf-Kultur, die heute selten geworden ist und die erklärt, warum so viele Merkur-Hobel zehn, zwanzig, dreißig Jahre und länger im Einsatz sind.
Im Sortiment bei uns
Bei uns findest du die wichtigsten Modelle der Merkur-Familie – vom 34C als Einstieg über die klassischen Alltagshobel bis zu den einstellbaren Futur-Modellen. Dazu das Zubehör aus derselben Werkstatt: den Pinsel 1100 mit Synthetikhaar, den Rasierständer 4006 in Glanzchrom, das Lederetui 5006 für die Reise und die Super-Platinum-Klingen im Zehner- und Hunderterpack.
Wenn du unsicher bist, ob 34C oder 23C, ob geschlossener oder offener Kamm, ob Einstiegsmodell oder einstellbar – schreib Finn oder Mike. Finn hat die Unterschiede im Kopf und in der Hand, und er übersetzt dir die Klingenspalt-Zahlen in das, was sie für deine Rasur am Morgen bedeuten.