Zehn Züge Ruhe, bevor der Tag beginnt
Jede Rasiermesser-Rasur beginnt mit demselben kleinen Vorspiel: Der Lederriemen wird eingehängt, straff gezogen, und dann wandert die Klinge in ruhigen Zügen über das Leder, zehn pro Seite, flach aufliegend, immer mit dem Rücken voraus. Wer dabei zuschaut, denkt an alte Barbierstuben, und wer es selbst tut, merkt schnell: Diese dreißig Sekunden sind nicht nur Pflege für die Klinge, sondern auch Stimmung für die Hand. Kein Rasiermesser-Ritual ohne Abledern, und kein Abledern ohne Lederriemen.
Technisch passiert dabei etwas Feineres, als das Wort Schärfen vermuten lässt: Der Lederriemen schärft nämlich gar nicht, er richtet. Die Schneide eines Rasiermessers ist so dünn, dass sie sich beim Rasieren und Lagern mikroskopisch verbiegt, und das Leder stellt diesen feinen Grat wieder auf, wie ein Kamm, der eine Frisur ordnet, ohne ein einziges Haar zu kürzen. Deshalb trägt das Abledern keinen Stahl ab, deshalb kannst du dabei nichts kaputtschärfen, und deshalb vervielfacht es die Zeit, bis dein Rasiermesser tatsächlich zum Nachschärfen muss.
Die klassische Ausführung hat zwei Seiten, glattes Leder für den täglichen Abzug und eine Leinen- oder Stoffseite für die Vorarbeit, dazu einen Haken für die Tür oder das Handtuchrohr und einen Griff zum Straffziehen. Mehr war nie nötig, mehr ist es bis heute nicht. Ein guter Lederriemen ist eines dieser Werkzeuge, die man einmal kauft und dann an niemanden mehr abgibt, höchstens ans Rasiermesser, aber die beiden gehören ja ohnehin zusammen.